Eine ungewöhnliche Ausstellung! Gezeigt werden die Entdeckungen - oder besser: Wiederentdeckungen - eines Museumsdirektors und Kurators: Gustav Vriesen war von 1954 bis zu seinem frühen Tod 1960 Direktor des Städtischen Kunsthauses Bielefeld, dem Vorläufer der Kunsthalle. Vriesen hat das erste Werkverzeichnis und eine vielbeachtete Monographie zu August Macke verfasst, in welcher er den Maler nicht mehr unumwunden der Künstlergruppe Blauer Reiter zurechnet, sondern die französischen Impressionisten als Mackes Leitbilder beschreibt. In Bielefeld gelang es Vriesen dann, "Hermann Stenner an die ihm gebührende Stelle in der Kunstgeschichte zu stellen", wie er es sich schon vor seinem Arbeitsbeginn in Stenners Heimatstadt vorgenommen und in sein Notizbuch geschrieben hatte. Nach langen Recherchen und Vorbereitungen konnte Gustav Vriesen am 9. September 1956 die erste Hermann Stenner - Retrospektive im Kunsthaus eröffnen, zu der ein Katalog mit farbigen Abbildungen und vielen Zitaten aus der Korrespondenz des Künstlers sowie Abdrucken von Briefen seiner Stuttgarter Malerkollegen Willi Baumeister und Oskar Schlemmer erschien. Nach Macke und Stenner widmete sich Friesen den französischen Künstlern Robert und Sonia Delaunay, deren Werk er als grundlegend für die Maler der frühen Moderne in Deutschland bezeichnete. Im Herbst 1958 zeigte er in Bielefeld die erste Einzelausstellung von Sonia Delaunay überhaupt. Die bereits 73 - jährige Künstlerin stellte dort 260 größtenteils von ihr selbst ausgewählte Werke aus. Eine große Werkschau für eine Künstlerin auszurichten war zu der Zeit durchaus noch ein Ereignis von überregionaler Bedeutung. Zum Vergleich: in Großbritannien wurde erstmals rund 60 Jahre später, im Jahr 2015, eine Ausstellung zu Sonia Delaunay in der TATE MODERN gezeigt, in der übrigens viele Begleittexte auf die bahnbrechende Ausstellung in Bielefeld verwiesen.

Die aufschlussreiche Auseinandersetzung mit der Arbeit eines bedeutenden Kurators der modernen Kunst in Deutschland nach Krieg und Nazi - Herrschaft ist im Kunstforum Hermann Stenner keine staubtrockene Angelegenheit, ganz im Gegenteil: die Entdeckungen Gustav Vriesens werden in einer prächtigen Bilderschau vorgestellt! Von Hermann Stenner sind 17 Gemälde zu bewundern, unter anderem das rätselhafte Gemälde "Der weiße Knabe", das mit Unterstützung des Freundeskreises restauriert wurde, sodass es nach langer Zeit wieder einmal vom Landesmuseum Münster nach Bielefeld reisen konnte. Gustav Friesen schrieb in einem Essay über den "romantisch - expressiven Charakter dieses schwer deutbaren, aber gerade in seiner Rätselhaftigkeit stark anziehenden Selbstbildnisses" mit großer Empathie: "Stenner hat den inneren Zustand dieser einsamen Bodensee - Wochen in wunderbarer Weise produktiv gemacht. Losgelöst von allen Bindungen und Aufträgen, malte er eine Reihe von Bildern, in denen er ganz er selbst sein konnte. Es entsteht das liegende Selbstbildnis im weißen Anzug, eine ins Dichterische überhöhte Transponierung seiner selbst in einen unwirklichen blauen Raum."